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Von Drachen, Frust und Fliegen

Versuchst du in letzter Zeit auch häufig gute Laune zu haben, obwohl dir so gar nicht danach ist? Ich schon. Meine Lösung: einfach mal mies drauf sein und dann die Perspektive wechseln.


"Ich bin gut drauf! Ich bin super gut drauf!"


Ähm, nein, um ehrlich zu sein, ich bin gar nicht gut drauf!


Sch*** auf positive Affirmation.


Ich weiß, im Yoga, im Coaching, in sozialen Medien und im Internet allgemein wird ständig über “Mindset” gesprochen, über die Gedanken und gedanklichen Muster, die dein Leben bestimmen. Gerade Yogis stellen sich gerne als optimistische Denker dar.


Aus vielerlei Hinsicht sind positive Gedanken und ein optimistischer Blick in die Welt sinnvoll, um aus ungesunden Denkmustern rauszukommen.

"Fake it till you make it" - sage dir selbst, du bist gut gelaunt und irgendwann bist du gut gelaunt. - Ja, hilft oft, auch schon tausendmal gemacht.


Manchmal möchte ich aber einfach nur realistisch oder sogar einfach nur frustriert und mies drauf sein dürfen. So ganz ohne positives “Mindset”.

Heute ist mal wieder so ein Tag!


Ich bin schon früh wach geworden, konnte mich noch einmal bei geöffnetem Fenster einkuscheln, bin dann nach dem Aufstehen sofort laufen gegangen und das klappte heute auch noch richtig gut.


Kurz war ich euphorisch, ziemlich gut gelaunt:

Die Luft war noch kühl und klar, der Himmel blau mit leichten Wolken durchzogen, die Vögel sangen, überall sprießen Blüten und frische Blätter und die Menschen sind morgens noch freundlich und grüßen sogar.


Toll! Und ich draußen - schon aktiv - so früh. Wahnsinn!


Zuhause noch Zeit für Yoga, in Ruhe Kaffee trinken und Tagebuch schreiben und trotzdem ein früher Start in den Arbeitstag.

Also alles gut! Toller Tag! Ich bin gut drauf!


Wirklich? Alles gut? Nein! Ich bin nicht gut drauf! Gar nichts ist gut!


Trotz des guten Starts in den Tag, der Euphorie, hängen in meinem Kopf diese grauen Wolken, kehren meine Gedanken immer wieder zu den vergangenen Wochen und Monaten, zur aktuellen Situation und meinem bevorstehenden Sabbatical zurück.

Zu Diskussionen über Impfungen, Einzelhandels-Öffnungen und Schnelltests.

Zu meinen Plänen, die nicht mehr bestehen, zu den Menschen, die ich nicht treffen kann, zu all den Dingen, die ich gern tun würde und nicht kann.


Plötzlich fällt mir der rote Drachen ein, der auf meiner Laufroute im Baum hängen geblieben ist.


Seit Wochen sehe ich ihn bei der morgendlichen Runde und fotografiere ihn Rot leuchtend, im immer grüner werdenden Baum vorm grau-blauen Himmel, zu dem er nicht mehr aufsteigen kann, weil seine Schnüre sich in den Ästen verheddert haben.


Und als ich meinen grauen Gedankenwolken nachschaue, fühle ich mich wie dieser Drachen:

Ich bin bereit zu fliegen, ausgestattet mit allem, was es braucht und hänge doch an einer Stelle fest.

Immer wenn ich denke: "Jetzt geht es wieder, mich hebt gleich ein Windzug empor.", dann hängt doch noch irgendwo ein Seil am Baum und hält mich fest.

Schnüre, die gemacht sind, um das Fliegen zu unterstützen, und aus ihrem Element herausgenommen nur noch hinderlich sind.

Seit über einem Jahr sind wir alle mehr oder weniger "abgestürzt". Hängen dort fest, wo wir nie geplant hatten, so lange festzuhängen.

Also warum nicht auch einfach mal deprimiert sein?


Wie der Drachen zeigen wir uns gerade vielleicht nicht immer von unserer besten und schönsten Seite, können nicht alles leben, was in uns steckt und sind frustriert, erschöpft und müde und weinerlich und demotiviert und langsam, so unglaublich langsam…

Ich finde, ein gutes "Mindset" kann auch sein, seinen Frust auch einfach mal Frust sein zu lassen, ohne etwas zu faken.

Sch*** auf Affirmationen! Geh mir weg mit diesen beknackten positiven Gedanken!

Einfach mal fluchen, schreien, alles raustanzen, weinen, das Kopfkissen boxen, länger schlafen oder was gerade sonst so nötig ist…


Danach ist der Kopf meist wieder frei, das Kopfgewitter abgezogen und wir können, von unserer Perspektive im Baum, den schönen Ausblick auf Himmel und Erde genießen.


Mir fällt dann nämlich meist wieder auf, wie gut es mir gerade ja doch geht:

Immerhin im Baum und nicht auf der Erde, da ist die halbe Strecke zum Losfliegen ja schon geschafft. 😉


In diesem Sinne gehe ich kurz mal weinen, damit ich danach vielleicht wieder lachen kann…